
Wer sich auf die Spur des Automobilverkehrs der Zukunft begibt, sollte zunächst die wichtigsten Entwicklungen im Verkehrssektor, in der Automobilproduktion sowie den Informations- und Kommunikationstechnologien, aber auch im gesamten gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Umfeld näher betrachten. So lassen sich einige wesentliche und stabile Trends sowie fördernde und hemmende Faktoren für bestimmte Entwicklungsrichtungen identifizieren. Man kann dann zwar die Zukunft des Automobils nicht vorhersagen, aber immerhin wahrscheinliche und weniger wahrscheinliche Szenarien für die Zukunft des Automobils beziehungsweise unser Verkehrsystem entwerfen.
Welches dieser Szenarien letztlich Wirklichkeit wird, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren - wie zum Beispiel Ressourcenverfügbarkeit und Klimaentwicklung, Verkehrswachstum und Infrastrukturausbau, technologischen Innovationen und Konsumentenverhalten sowie daraus resultierenden politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen - und nicht zuletzt auch von unserem Handeln ab.
Die weitere Entwicklung des Verkehrssektors im allgemeinen und des Automobils im besonderen ist gekennzeichnet durch:
Einige der Folgewirkungen lassen sich unmittelbar ableiten: Bei Anwendung der heutigen Technologien (Automobile mit Verbrennungsmotoren, große Fahrzeugmassen von zwei und mehr Tonnen, hohe Motorleistungen und Verbräuche, hohe Geschwindigkeiten) und der heutigen Verkehrskonzepte stößt dieser Entwicklungspfad mittel- bis langfristig definitiv an seine Grenzen.
Die Fortschreibung dieser Entwicklung würde man als "business as usual" beziehungsweise "Weiter wie bisher"-Szenario bezeichnen. Schon aus einer groben Abschätzung des daraus resultierenden weltweiten Treibstoffverbrauchs, des Zuwachses an CO2-und Schadstoffemissionen etc. wird ersichtlich, dass dieser Weg nicht zukunftsfähig ist. Auch in sozialer Hinsicht ist er nicht nachhaltig: Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde es zu einem sehr starken Anwachsen der Energie- und Treibstoffpreise kommen und in der Folge würde das Autofahren immer mehr zu einem Gut für die wohlhabenderen Schichten werden. Soziale Disparitäten würden stark zunehmen und eine Vielzahl von Menschen wären künftig von dieser Art der individuellen Mobilität ausgeschlossen.

Wie sehen also die zukunftsträchtigeren Alternativen aus? Ist es die weltweite Abschaffung des Automobils? Oder vielleicht nur der Verzicht auf Automobile in den Schwellen- und Entwicklungsländern? Vor dem Hintergrund der realen Entwicklungen in China, Indien und Brasilien sind solche Vorstellungen völlig unrealistisch. Straßenverkehrsinfrastrukturen werden auf- und ausgebaut, es werden etliche Milliarden Euro in die Entwicklung und Weiterentwicklung von Automobilen investiert - und nicht zuletzt werden jährlich Millionen und aber Millionen neue Autos verkauft. Wir werden demnach mit hoher Wahrscheinlichkeit auch noch in 20 bis 30 Jahren Automobile als einen wesentlichen Teil unseres Verkehrssystem haben - aber eben gänzlich andere als heute.
Heutige Autos sind - auch wenn sie oft im Hightech-Gewand daherkommen und vor allem mit viel Elektronik und anderer moderner Technik aufwarten - eigentlich technische Dinosaurier. Sie sind bei weitem zu schwer, verbrauchen viel zu viel Treibstoff und sind wenig oder gar nicht mit anderen Verkehrsträgern vernetzt.

Mit anderen Materialien und vor allem bei Anwendung anderer Konstruktionsprinzipien können Automobile - unter Beibehaltung hoher Sicherheitsstandards - deutlich leichter gebaut werden. Erste Pilotprojekte zeigen, dass Autos mit weniger als einem Viertel des heutigen Gewichts schon mit heutigen Technologien erreichbar sind. Und dies bedeutet noch lange nicht das Ende des "downsizing"! Diese leichteren Autos können dann mit viel kleineren und sparsameren Antrieben ausgestattet werden. Verbrauchen heutige Automobile im Schnitt noch ca. 9 Liter pro 100 Kilometer, könnten es in nicht allzu ferner Zukunft 2 Liter und weniger sein!
Die zukünftigen Automobile sollten auch mit den anderen Verkehrsträgern vernetzt werden. Dazu muss die heutige Form der Vernetzung überwunden werden und einer echten Integration Platz machen. Die Vernetzung zwischen Automobil und Öffentlichem Verkehr funktioniert heute im wesentlichen so, dass die Autofahrer im Falle gravierender Störungen des Autoverkehrs alle notwendigen Informationen erhalten, um auf Busse und Bahnen umzusteigen. Der Öffentliche Verkehr hat damit aus Sicht der Autofahrer hauptsächlich eine "Überlauffunktion". In Zukunft muss dieser Ansatz durch ein harmonisches Zusammenspiel der unterschiedlichen Verkehrsträger - das heißt durch eine echte Integration - abgelöst werden. Jeder Verkehrsträger sollte dann entsprechend seinen Stärken eingesetzt werden: individualisierte öffentliche Verkehrsmittel vor allem in den Städten und Ballungszentren, Automobile vor allem in der Fläche und effiziente Bahnverkehre mit hohen Geschwindigkeiten auf mittleren und langen Distanzen. Durchgehende Informationssysteme (in Echtzeit) sollten dann ebenso selbstverständlich sein wie optimierte Schnittstellen und Umsteigemöglichkeiten.

Ein weiteres wesentliches Merkmal für ein integriertes Verkehrssystem ist das Vorhandensein eines einfachen und transparenten Tarifsystems, welches die problemlose Nutzung aller Verkehrsmittel und die Zahlung mit nur einem Medium erlaubt. Die Einführung einer universellen Mobilcard, mit der man alle Öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, aber auch Bahnfahrten und Flüge buchen und bezahlen sowie Autos mieten oder Carsharing-Angebote nutzen kann, könnte einen wichtigen Schritt in diese Richtung darstellen.
Um die Vorteile des motorisierten Individualverkehrs - die unkomplizierte Realisierung von Haus-zu-Haus-Verkehren sowie relativ kurze Reisezeiten für kurze und mittlere Entfernungen - gewährleisten zu können, muss der zukünftige Automobilverkehr deutlich besser organisiert und gesteuert werden. Das Automobil ist nur dann ein schnelles Verkehrsmittel, wenn der Verkehr auch reibungslos fließt. Jedes längere Stocken des Verkehrs und jeder mittlere Stau machen diesen Vorteil schnell zunichte. Unumgänglich ist deshalb die intelligentere Bewirtschaftung des knappen Gutes Straßenverkehr, wozu mittel- bis langfristig sicherlich auch die flächendeckende Einführung von tageszeit- und verkehrsaufkommensabhängigen Mautsystemen gehören wird.
Fassen wir die Entwicklungen noch einmal in einem Alternativszenario zu dem weiter oben skizzierten "Business as usual"-Szenario zusammen. Man könnte dieses Szenario als "Intelligent vernetztes Verkehrssystem" bezeichnen: In 20 bis 30 Jahren werden wir wahrscheinlich in Automobilen fahren, die deutlich leichter und vor allem viel energieeffizienter sind als die heutigen - mindestens um einen Faktor 4 bis 5. Die Leicht- und Ultraleichtfahrzeuge der Zukunft werden mit hocheffizienten Verbrennungs- oder Elektromotoren beziehungsweise als Hybridfahrzeuge mit beiden ausgerüstet sein. Letztere vereinen die Vorteile beider Antriebsarten miteinander: sie fahren vor Ort leise und emissionsfrei, können Bremsenergie zurückgewinnen und haben sehr große Reichweiten. Verbrennungsmotoren werden zunehmend mit regenerativen Treibstoffen betriebenen, Elektrofahrzeuge werden über leistungsfähige Batterien beziehungsweise innovative Energiespeicher verfügen oder über eine Kombination aus Brennstoffzellen und Treibstofftanks verfügen.
Wahrscheinlich wird dann das Automobil seine dominierende Stellung einbüßen und ein gleichberechtigtes Verkehrsmittel unter vielen sein. Es wird in fernerer Zukunft wohl auch nicht mehr in dem heutigen Ausmaß unsere Wertvorstellungen prägen. Ein erster Schritt in diese Richtung könnte die Einführung neuer Nutzungsformen und -arten sein: Automobile, die man im Mittel weniger als eine Stunde am Tag - das heißt weniger als 4% der Zeit - nutzt, muss man nicht unbedingt besitzen. Man könnte sich zu deutlich geringeren fixen Kosten an einem größeren Carpool beteiligen und jederzeit das für den jeweiligen Zweck passende Automobil ausleihen. Auf diese Art und Weise würde sich das Automobil von einem Statussymbol immer mehr zu einem Nutzobjekt entwickeln, was viele Wege für einen intelligenteren Umgang mit Automobilität eröffnen würde.
Dr. Roland Nolte arbeitet als Geschäftsführer am Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT). Seine Forschungsfelder sind u.a. Umweltverträgliche Mobilität, Telematikanwendungen im Verkehrsbereich, Umwelt- und Nachhaltigkeitsstrategien für Unternehmen und Integriertes Roadmapping.
Info: http://www.izt.de